Veranstaltung: Internationaler Workshop am DIMAS - Metanarratives of the Social in Theory and Fiction: Entanglements between Latin America and Eastern Europe
Ort: Sammelgebäude, S214
- Referentin / Referent:
- Elisa Kriza, Mirja Lecke, Jobst Welge, Anna Artwinska, Agnieszka Hudzik, Svitlana Biedarieva, Irina Garbatzky, Anne Brüske, Augustín Cosovschi, Máté Rigó, Joanna Moszczynska, Klaus Buchenau, Bruno Barretto Gomide
- Veranstaltungsart:
- Workshop
- Zielgruppe:
- Studierende, uni-weiter Kalender
- Veranstaltungssprache:
- Englisch
Lateinamerika und Osteuropa weisen oft übersehene strukturelle Ähnlichkeiten und Verflechtungen auf. Ihre Geschichte ist geprägt von Kolonialismus, imperialer Herrschaft, globalem Kapitalismus, den Hinterlassenschaften des Kalten Krieges und fragilen Demokratisierungsprozessen. Folglich werden sowohl innerhalb als auch außerhalb der Regionen regelmäßig hegemoniale Metanarrative wie Christentum, Marxismus, Freudismus, Modernismus usw. herangezogen, um die lokalen Gesellschaften und die Geschichte Lateinamerikas und Osteuropas zu verstehen.
Metanarrative prägen sowohl die Sozial- und Kulturtheorie als auch die Fiktion und stützen sich dabei auf Vorstellungswelten, die die tiefen Strukturen des Sozialen widerspiegeln. Vorstellungswelten verschmelzen beispielsweise in Form von Mythen, Legenden oder Populärkultur. Sie schaffen sozialen Zusammenhalt und bieten Interpretationsrahmen für die Welt (Castoriadis 1975, Anderson 1983). Eingebettet in Machtverhältnisse, insbesondere in westeuropäische Interpretationsrahmen, haben sie sich zu hegemonialen Metanarrativen entwickelt, wie beispielsweise die (patriarchale) traditionelle Familie, der edle Wilde oder das souveräne und kreative Individuum.
Während der postmoderne Denker Jean-François Lyotard Metanarrative (grands recits) als generell überholt ablehnt, erweisen sie sich auch aus post- und dekolonialer Perspektive, die die Situiertheit (historiographischen) Wissens betont, als problematisch. Wir sollten Metanarrative (einschließlich Post- und Dekolonialismus) daher nicht als gegebene Entitäten oder als universelle Interpretationsinstrumente betrachten, sondern sie als Ergebnis komplex miteinander verflochtener Prozesse kultureller Verhandlung hinterfragen. Vor diesem Hintergrund nehmen wir die folgenden Beobachtungen als Ausgangspunkt:
1. Metanarrative sind eingebettet in Machtverhältnisse und werden von diesen geprägt.
2. Metanarrative sind nicht monolithisch. Sie haben vielfältige Ursprünge/Quellen mit jeweils eigenen lokalen Kontexten.
3. Metanarrative sind nicht stabil. Sie verändern sich, wenn sie in lokalen Kontexten mit unterschiedlichen Ergebnissen übernommen werden.
4. Metanarrative sind nicht so westlich, wie sie scheinen mögen. Einige der etabliertesten entstanden in nicht-hegemonialen Kontexten, die in ihrer globalen Verbreitung unsichtbar gemacht wurden. Dies wirft auch die Frage auf, was „europäisch” oder „westlich” überhaupt bedeuten kann (siehe Chakrabarty).
In unserem Workshop möchten wir diese Dynamiken am Beispiel von Theorie und Fiktion in und zwischen Lateinamerika und Osteuropa diskutieren. Unser Ziel ist es, Metanarrative zu identifizieren, die sowohl in der Theorie als auch in der Fiktion häufig vorkommen, und ihre Entwicklungsverläufe nachzuzeichnen. Mögliche Beispiele sind Dekolonialisierung, kultureller Kontakt, Kapitalismus/Wirtschaftsentwicklung/Abhängigkeitstheorie, Marxismus, Freudismus, Modernismus (oder einzelne Strömungen, z. B. Surrealismus, Primitivismus), Befreiungstheologie, Menschenrechtsdiskurse, Feminismus, Nationalismus, Neoliberalismus usw.
Fragen, mit denen sich die Beitragenden befassen können:
- Wie haben sich Metanarrative zwischen Westeuropa, Lateinamerika und Osteuropa verbreitet (Said, Mieke Bal)? Was sind die wichtigsten historischen Entwicklungen? Welche Zeitregime beeinflussen die Verbreitung von Metanarrativen („Verspätung“)?
- Welche Metanarrative kommen in literarischen Texten besonders häufig vor? Mit welchen Themen und damit verbundenen Vorstellungswelten beschäftigen sie sich (Familiengeschichten, Zivilisation und Barbarei usw.)? In welchen Genres: im (historischen) Roman oder in der Autobiografie als hegemonialem Metanarrativ? Welche Genres bieten Raum für Alternativen?
- Wie lassen sich Metanarrative in Institutionen (Museen, Schutz des kulturellen Erbes, Kanons) umsetzen?
- Wie beeinflussen Machtverhältnisse zwischen mehreren Zentren die Funktionsweise von Metanarrativen? Zeigt die Konfiguration von Metanarrativen die Zwischenstellung Lateinamerikas und Osteuropas?
- Wie sind lokale Entwürfe global geworden, wie wurden vermeintlich globale hegemoniale Entwürfe an lokale Gegebenheiten angepasst?
Bitte entnehmen Sie das ausführliche Programm den angehängten pdf-Dateien!
Veranstaltungsort
Sammelgebäude, S214
Kontakt
Anne Brüske (DIMAS, anne.brueske@ur.de)
Mirja Lecke (Institut für Slawistik, mirja.lecke@ur.de)