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Ringvorlesung: "Stadt und Religion(en) in der Vormoderne"

Die Ringvorlesung des Forum Mittelalter als Programmbestandteil des GRK 2337 „Metropolität in der Vormoderne“

Die Mitglieder des Graduiertenkollegs „Metropolität in der Vormoderne“ profitieren während ihrer Promotionszeit auch von dem universitären und (inter-)nationalen Netzwerk des Mittelalterzentrums „Forum Mittelalter“, etwa im Rahmen der internationalen Jahrestagung, der regelmäßig stattfindenden Mittelaltergespräche oder der Ringvorlesung in jedem Sommersemester.


Termine Ringvorlesung Sose19

Der Gegenstand der Ringvorlesung des Forum Mittelalter 2019 - „Stadt und Religion(en) in der Vormoderne“ – schloss sich diesmal an das kulturelle Jahresthema der Stadt Regensburg an. 2019 jährt sich die gewaltsame Vertreibung der jüdischen Gemeinde aus Regensburg mit der Zerstörung des mittelalterlichen Synagogenbaus zum 500. Mal. Daran erinnert unter dem Rahmenthema „Stadt und Gesellschaft“ eine Reihe von städtischen Veranstaltungen zum jüdisch-christlichen Zusammenleben in Regensburg. Diversität, religiös-kulturelle Pluralisierung und daraus resultierendes Konfliktpotential in vormodernen Metropolen zu untersuchen, zählt im Kern zum Forschungsprogramm des GRK, so dass sich die Ringvorlesung zu „Stadt und Religion(en) in der Vormoderne“ mit ihrem Angebot multidisziplinärer Perspektiven bereichernd an das Qualifizierungsprogramms des GRK anschloss.

In der ersten Sitzung am 04.04.2019 widmete sich Prof. Dr. Eva Haverkamp-Rott (Mittelalterliche Jüdische Geschichte und Kultur, LMU München) der „Kommunikation zwischen Juden und Christen im mittelalterlichen Regensburg”. Die Vorlesung erörterte, wo eigentlich der finanzielle und wirtschaftliche Kontakt sowie der religiöse, kulturelle und alltägliche Austausch mit der christlichen Mehrheitsgesellschaft Regensburgs räumlich und institutionell stattfand (etwa im Handel, auf öffentlichen Plätzen und im nicht abgegrenzten jüdischen Viertel, sowie im Kontakt mit der Stadtobrigkeit). Am Beispiel normativer Quellen wurde die Eingebundenheit der jüdischen Gemeinde und einzelner, konkreter Akteure in die Stadtgesellschaft nachgezeichnet. Haverkamp-Rott zeigte einerseits die den Gemeindemitgliedern garantierten Rechte, etwa das Schwören vor Gericht auf die Thora, andererseits jedoch auch die ambivalente Rolle teilweise marginalisierender Sonderinstitutionen auf.

Ausgehend vom kommunikativen Mit- und Nebeneinander der Religionen in der mittelalterlichen Stadt lenkte Prof. Dr. Klaus Unterburger (Mittlere und Neue Kirchengeschichte, Universität Regensburg) am 08.05.2019 den Fokus auf „Die Entdeckung des Talmuds durch die christliche Theologie im Hochmittelalter und deren Konsequenzen für die christliche Interpretation des Judentums”. Im Zentrum der Fragestellung stand der theologische Anteil am sich im Spätmittelalter zunehmend gewaltsam entladenden Antijudaismus in Europa, der etwa in der Vertreibung der Regensburger Gemeinschaft 1519 kulminierte. Ausgehend von der Substitutionstheologie Israels durch die Kirche zeichnete Unterburger zunächst die Grundlagen der doppelten Schutzherrschaft von Augustinus über Papst Gregor den Großen nach. Als klaren Wendepunkt identifizierte seine Vorlesung die Diffamierung des Talmuds durch den Konvertiten Nikolaus Donin und die hieraus resultierenden Ereignisse nach den Disputationes von Paris und Barcelona, deren Wirkungsgeschichte nachhaltig zu einem „parting of the ways“ (I. Yehuda) geführt hätten.

Stadt und Religion(en) als Spannungsfeld aus einer nicht jüdisch-christlichen, sondern inner-römischen Debatte heraus präsentierte am 15.05.2019 Prof. Dr. Angela Ganter (Alte Geschichte, Universität Regensburg) mit dem Vortrag „Tympana tundent. Der Kult der Magna Mater in Rom zwischen Aneignung und Befremden”. Zeitgenössische Quellenbeispiele, etwa aus Ovids Fasti, illustrierten das Befremden der römischen Eliten gegenüber dem Magna Mater-Kult, der dem aristokratisch-männlich-bürgerlichen Idealbild altrömischer Religion widersprochen habe. Dies hätte Alteritätsdiskursen wie denjenigen in der spätrepublikanischen und kaiserzeitlichen Literatur Vorschub geleistet. Die Überlieferungslage zur Ambivalenz des Magna Mater-Kultes bekräftige das Bild einer heterogenen und deshalb religiös polyvalenten Gesellschaft im Alten Rom.

„Aneignung durch Enteignung? Der jüdische erste Teil der christlichen Bibel in Prozessionsgesängen des vormodernen Regensburg”, so lautete dann am 22.05.2019 das Thema des Ringvorlesungs-Beitrags von Prof. Dr. Harald Buchinger (Liturgiewissenschaft, Universität Regensburg). Der Vortrag stellte das Alte Testament im christlichen Gottesdienst des Mittelalters ins Zentrum. Erst wurde die liturgische Hermeneutik der im Ritus verwendeten alttestamentlichen Passagen allgemein angesprochen, ehe konkrete Beispiele etwa für die Verwendung bestimmter Psalmen in Prozessionsgesängen des vormodernen Regensburg vorgestellt wurden. Bei den Prozessionsgesängen zum Karfreitag könne dabei von einer Enteignung der jüdischen Religion gesprochen werden, da Psalmen oder Prophetenworte in polemischer und anklagender Form an das Judentum selbst gerichtet würden.

Am 05.06.2019 wurde die Ringvorlesung durch einen Vortrag der israelischen Nachwuchswissenschaftlerin Ahuva Liberles Noiman (Hebräische Universität Jerusalem / Ben Gurion Universität of the Negev, Beer Sheva/ LMU München) fortgesetzt. Unter der Überschrift ”Resilience in Late Medieval Regensburg” konzentrierte sich Liberles Noiman, deren Promotionsprojekt sich mit einer Sozialgeschichte jüdischer Konvertiten im spätmittelalterlichen HRR beschäftigt, auf die Widerstandskraft der Regensburger jüdischen Gemeinde, die sich im Umgang mit dem Fall des Regensburger Konvertiten Kalman noch zum Ende des 15. Jahrhunderts als sehr ausgeprägt erwies.

Die komplexen „Verkehrsregeln“ des jüdisch-christlichen und des protestantisch-christlichen Zusammenlebens im vormodernen Regensburg angesichts von Stadtpolitik und Kirchenjahr standen im Vordergrund der Ausführungen von Prof. Dr. Edith Feistner (Ältere deutsche Literaturwissenschaft, Universität Regensburg) am 19.06.2019. Im Kern des Erkenntnisinteresses standen hierbei die heute zerstörte Kirche Weih St. Peter und das Damenstift Obermünster. Weih St. Peter fungierte vor der Reformation als Erinnerungsort des Regensburger Rats, da es Schauplatz des Siegs Karls des Großen gegen die Hunnen gewesen sei. Das Damenstift Obermünster – so zeigt ein frühneuzeitliches Prozessionale – zeichnete sich dagegen auch nach der Reformation noch als einflussreiche und „raumgreifende“ katholische Institution aus. Die Vulnerabilität der zum Teil fragilen gemischt-religiösen Ordnung wurde am Beispiel des jüdischen Konvertiten Kalman, der bereits in den Ausführungen von Ahuva Liberles Noiman Erwähnung gefunden hatte, deutlich.

Unter kunsthistorischen Vorzeichen wurden schließlich am 26.06.2019 im Vortrag von Prof. em. Dr. Hans-Christoph Dittscheid (Institut für Kunstgeschichte, Universität Regensburg) „Synagoge - Dom - Klosterkirchen - Wallfahrtskapelle: Regensburg im Spiegel seiner Sakralbauten aus vier Jahrhunderten” beleuchtet. Typus und Ausstattung der Gebäude erlauben Rückschlüsse auf die religiöse Vielfalt im vormodernen Regensburg, wie Dittscheid beispielhaft an Fotografien und Plänen aus St. Emmeram oder der Minoritenkirche erläuterte. Besonderes kunsthistorisches Augenmerk wurde auf den Dom gelegt, dessen Baugeschichte, Bild- und Formenprogramm neben architektur- und kunsthistorischen Strömungen und (Dis-)Kontinuitäten nicht zuletzt christlichen Antijudaismus im vormodernen Stadtbild bezeugen.

Ein weiterer kunsthistorischer Beitrag befasste sich am 03.07.2019 mit der „Handwerker-Bruderschaft der Regensburger Wollwirker und deren visueller Präsenz im spätmittelalterlichen Regensburg”. Über das Severus-Altarretabel (1456) aus der Dominikanerkirche St. Blasius eröffnete Prof. Dr. Albert Dietl (Kunstgeschichte, Universität Regensburg) das Panorama der stadthistorischen Bedeutung der Zünfte als sozio-ökonomisch und -kulturell relevante Akteure in der mittelalterlichen und frühneuzeitlichen Stadtgesellschaft. Die Legende des Hl. Severus diente der Regensburger Wollwirkerbruderschaft dabei als Identifikationsangebot, Gebetsanleitung und Heilsversprechen –
drei Aspekte, die in dem behandelten Altarretabel multiperspektivisch in Szene gesetzt werden. Transdisziplinäre Synergien zwischen Kunst-, Wirtschafts- und Kirchengeschichte wurden den GRK-Mitgliedern einmal mehr deutlich vor Augen geführt.

Beschlossen wurde das Programm der Ringvorlesung mit zwei weiteren Gastdozierenden aus Israel. Am 17.07.2019 referierte Prof. Dr. Elisheva Baumgarten (Jewish History, Hebräische Universität Jerusalem) zum Thema ”Between Public and Private: Creating Jewish Space and Time in Medieval Germany”. “Living together, living apart”, so ließe sich Baumgartens Fazit zur Analyse von Öffentlichkeit und Privatheit hinsichtlich der gelebten Religiosität der jüdischen Gemeinden zusammenfassen. Rituale, Räume, Objekte und Personen können laut Baumgarten hierfür als Analysekategorien herangezogen werden. Ein Blick ad fontes, beispielsweise in die Akten des IV. Laterankonzils oder des Sefer Hasidim, stützt die These des Vortrags von der Schwierigkeit der Unterscheidung zwischen jüdischen und nicht-jüdischen Einwohnern in der mittelalterlichen Stadt. Das jüdisch-christliche Zusammenleben in Mitteleuropa sei zumindest bis zum 14. Jahrhundert von einer relativ gut integrierten Koexistenz geprägt gewesen.

Der Abschlussvortrag der Ringvorlesung im Sommersemester 2019 behandelte schließlich „Jüdische Märtyrer und der Heilige Emmeram von Regensburg”. Dr. Peter Sh. Lehnardt (Medieval Jewish Literature, Ben-Gurion Universität, Beer Sheva) erläuterte am 24.07.2019 jüdische und christliche Märtyrerlegenden und -topoi. Interessant war hierbei, dass Bestandteile der christlichen Emmeramsvita, die ausführlich erstmals bei Arbeo von Freising (+784) erscheint, auch in jüdischen Märtyrererzählungen auftauchen, wenn auch in anderer Funktion. Die Bedeutung der Grundwissenschaften und auch der Quellensprachen und ihrer Philologien für eine ganzheitliche Analyse von Forschungsfragen, die auch das Forschungsprogramm des GRK „Metropolität in der Vormoderne“ betreffen, wurden hier einmal mehr virulent.

Die Ringvorlesung des Forum Mittelalter hat sich erneut als substantielle Ergänzung des wissenschaftlichen Programms für das GRK 2337 „Metropolität in der Vormoderne“ erwiesen. Im kommenden Sommersemester wird die Ringvorlesung wieder mit dem kulturellen Jahresthema der Stadt Regensburg korrespondieren, das dann unter der Überschrift "Provinz-Stadt-Metropole" steht.

Weitere Informationen zum Forum Mittelalter: http://www.forum-mittelalter.de/cms/front_content.php

(kp)


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Metropolität in der Vormoderne

DFG-GRK 2337

Sprecher

Prof. Dr. Jörg Oberste

St-grk 2337
Wissenschaftl. Koordination

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