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Forschungskolloquium „Metropolität in der Vormoderne“

Sommersemester 2019

Das Forschungskolloquium des Graduiertenkollegs 2337 „Metropolität in der Vormoderne“ im Sommersemester 2019 setzte sich aus zwei Kurzvorträgen und sechs ausführlichen Referaten zusammen, die das multiperspektivische, epochenübergreifende und transdisziplinäre Forschungsprogramm des GRK in ganz unterschiedlichen Aspekten illustrierten und als verbindenden roten Faden stets auf den Konzeptbegriff der „Metropolität“ rekurrierten. Die Vorträge erschlossen Bedingungen, Erscheinungsformen und Folgen jener Prozesse, in denen Städte zu führenden und prägenden urbanen Zentren im internationalen, dia- und synchronen (Vergleichs-)Maßstab wurden.

Bereits die Kurzvorstellung des Promotionsprojekts des neuen GRK-Mitglieds Christopher Sprecher am 08.05.2019 über Reliquien, Konstantinopel und städtische Netzwerke (9.-12. Jh.) machte das komplexe Zusammenspiel religiös-kultischer, aber auch sozio-ökonomischer, politisch-topographischer und kultureller Faktoren bei der Verbreitung von Gebräuchen, Konzepten – konkret der „Ehre“ - und Normen im metropolitanen Umfeld Konstantinopels und weiterer religiöser Zentren in der Vormoderne über die vorgestellte Methodik des „close readings“ von liturgischen Texten greifbar.

Anschließend an den Kurzvortrag folgte Giulia Fiorattos Darlegung der bereits substantiellen Zwischenergebnisse ihrer archäologischen Forschungsarbeit, die sich mit der Frage auseinandersetzt, aufgrund welcher Gegebenheiten, Bedingungen und Spezifika sich die lateinische Kolonie Aquileia, die 181 n.Chr. gegründet wurde, binnen relativ kurzer Zeit zu einer der wichtigsten Städte im Nordosten des römischen Reiches – der Cisalpina - entwickeln konnte. Anhand der graphischen Visualisierung durch Kartenmaterial stand primär das Landverteilungs- und -nutzungssystem im Vordergrund der Ausführungen.

Das GRK-Kolloqium am 15. Mai 2019 wurde von einem Gastwissenschaftler von der Università della Svizzera Italiana bestritten: Vladimir Ivanovici, promoviert sowohl in Alter Geschichte (Universität Bucharest) als auch in Kunstgeschichte (Accademia di architettura Mendrisio), beschäftigt sich zentral mit den Manifestationen von Körperlichkeit in der Sakralarchitektur vor allem der Spätantike. Er sprach zur Thematik "Constructing worldviews. Space, ritual, and identity in Late Antiquity" und konzentrierte seine Ausführungen auf sein Verständnis des Einflusses der christlichen Sakramentenlehre – in Bezug auf die Taufe und die Eucharistie – auf die Ausgestaltung und Interpretation orthodoxer Sakrallandschaften.

Auch in der Folgewoche konnten die Kollegiat/inn/en von der Expertise eines international renommierten Gastreferenten profitieren: Professor Neville Morley von der University of Exeter, der Klassikstudien und Alte Geschichte lehrt und dessen umfangreiches Œuvre im Wesentlichen um wirtschafts- und sozialhistorische und demographische Fragestellungen zu den antiken Gesellschaften des Mittelmeerraums und ihren Denktraditionen kreist, sprach in einem Impulsreferat zur „idea of the pre-modern city and its economic role“. Von den zeit- und rauminvarianten Impulsen Morleys, die sich durch vorherige Lektüre des Kapitels "The metropolitan city in a pre-industrial economy" seines Werkes "Metropolis and hinterland. The city of Rome and the Italian economy" erklärend erschlossen, konnten alle Zuhörer/innen – in idealtypisch transdisziplinärer Weise - Anregungen für ihre indivduellen Forschungszugänge aus dem Kolloquium mitnehmen.

„Von Rom nach Mailand“ konnte dann programmatisch für die Sitzung am 05. Juni 2019 gelten. Das GRK-Mitglied Dr. Elisa Di Natale erläuterte in einem durch anschauliche in-situ-Aufnahmen unterfütterten Vortrag die liturgische Monumentaleinrichtung von Kirchen im toskanischen bzw. mittelitalienischen Stadtraum zwischen Ritus, Ikonografie, Gestalt und Kontext (XI.-XIII. Jh.), wobei der inhaltliche Fokus auf den Weihwasserbecken und ihren liturgischen Funktionalitäten lag. Die Bedeutung eines interdisziplinären Zugangs bei der Untersuchung fester Kircheneinrichtung durch Kunstgeschichte, Liturgiewissenschaft, Musikwissenschaft, Philologie und Geschichte hatte bereits der von Dr. Elisa Di Natale mitorganisierte Workshop im Januar gezeigt; dessen Verschriftlichung in Form eines Tagungsbands nach dem Kolloquiumsvortrag nun umso erwartungsvoller entgegengeblickt wird.

Im Anschluss an das Referat von Elisa Di Natale erfolgte durch Pater Innocent Smith OP eine kompakte Darstellung seines liturgiewissenschaftlichen Promotionsprojekts, die im GRK-Kolloquium des Winteresemesters eine ausführlichere Fortsetzung erfahren wird. Die Arbeit unter dem Titel "Doers of the Word: Bible Missals and the Celebration of the Eucharist in the 13th Century" untersucht unter kodikologischen, musik- und liturgiewissenschaftlichen, aber auch kunsthistorischen Aspekten die Entwicklung und die Bedeutung von Messbüchern, primär französischer Provenienz, im 13. Jahrhundert.

Vom 13. Jahrhundert zurück in die Antike führte schließlich Anton-Claudio Schäfers Vortrag das GRK-Publikum am 10.07.2019 mit dem Thema "Mediolanum: Von der metropolis Insubrae zum municipium civium Romanorum". Das Referat befasste sich mit der Frühzeit der Metropole Mailand vom Beginn der Besiedelung der Region (lat. Gallia Cisalpina bzw. Transpadana) durch die Kelten bis zur Zeit während und nach der Eroberung durch die Römer 225-222 v.Chr. bzw. 196 v.Chr.. Die spätere Industriestadt war bereits als keltischer Zentralort und später als römische Provinzstadt für den überregionalen Handel und für ihr ertragreiches Umland bekannt. Anton-Claudio Schäfer machte als Untersuchungsziel deutlich, dass es ihm darum geht, Merkmale und sukzessive Veränderungen der Metropolität von Mediolanum/Mailand zu untersuchen und im Speziellen die Anpassungsmechanismen der Bevölkerung zu analysieren.

Beschlossen wurde die Reihe der Vorträge im GRK-Kolloquium des Sommersemesters 2019 am 17.07 2019 mit Sebastian Pößnikers Werkstattbericht unter der Überschrift "Löhne und Preise in Regensburg, 14.-18. Jh.". Sein wirtschaftshistorisches Forschungsprojekt erschließt den materiellen Lebensstandard von tendenziell weniger privilegierten sozialen Gruppen wie beispielsweise Taglöhnern und Handwerkern, d.h. deren Kaufkraft und ihren Versorgungszustand mit wesentlichen Verbrauchsgütern, und bringt diesbezügliche Kennziffern mit dem politisch-historischen und sozio-naturalen Kontext der Reichstadt in einen Zusammenhang. Dabei werden Fragen nach Zentrum und Umland, aber auch nach dem viel diskutierten Entkommen aus der "Armutsfalle" und das Entwicklungsnarrativ der so genannten Little Divergence tangiert. Als Quellengrundlage dienen vor allem serielle Rechnungsbücher und weitere Bestände aus städtischen und kirchlichen bzw. kirchlich geprägten Einrichtungen. Wie bei allen Vorträgen im GRK-Kolloquium entspann sich auch hier eine anregende und von transdisziplinärem Engagement getragene Diskussion über die Grenzen einzelner Fachdisziplinen hinweg.

In dieser Kontinuität wird auch das Wintersemester eine neue Reihe an Vorträgen von relevanten Gastreferent/inn/en und Vortragenden aus dem Kreise des Graduiertenkollegs 2337 „Metropolität in der Vormoderne“ mit sich bringen.

(kp)


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Metropolität in der Vormoderne

DFG-GRK 2337

Sprecher

Prof. Dr. Jörg Oberste

St-grk 2337
Wissenschaftl. Koordination

Kathrin Pindl M.A.

Kontakt

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Homepage

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