Die Teilnehmenden des Exkursionsseminars „Florenz und die Medici. Sozialer Aufstieg
und kultureller Geltungsdrang einer europäischen Dynastie“ haben wahrlich
Unmögliches geschafft. Ihr Ziel war, die Stadt und ihre Prägung durch die Familie der
Medici kennen- und verstehen zu lernen. Ein angesichts der Aufenthaltsdauer von nur
fünf Tagen durchaus ambitioniertes Vorhaben, das allerdings dank hervorragender
Vorbereitung und Organisation gelingen konnte. Nach Ankunft am Anreisetag um 16 Uhr
an der Piazza Signoria startete die Exkursion mit der Besichtigung des Palazzo Vecchio.
Dort konnte über die Baugeschichte sowie Teile der Ausstattung, darunter die Vasari
Fresken und Gemächer von Leo X., direkt in die zunächst republikanische, dann aber
stark durch die Medici geprägte Stadtgeschichte eingestiegen werden. Nach einer kurzen
Verhandlung mit dem italienischen Wachpersonal gelang es der Gruppe sogar, das
Studiolo Francesco I. de’ Medicis von innen zu besichtigen. Bei einer Besprechung auf der
Piazza Signoria widmeten sich die Studierenden vor allem der Machtsymbolik, die durch
die Skulpturen und Plastiken von Michelangelo, Giambologna, Cellini und Bandinelli zum
Ausdruck gebracht wird. Auch die Frage nach der Bedeutung des Historismus des 19.
Jahrhunderts für das heutige Stadtbild wurde umfassend besprochen. Nach einem
kurzen Abendessen war die Gruppe bereit für den anstrengenden Aufstieg auf den
Piazzale Michelangelo. Oben angekommen wurden wir allerdings durch einen
beeindruckenden Ausblick auf die nächtliche Stadt am Ufer des Arno belohnt!
Interessant ist, dass sich das alte Stadtzentrum auch nach 500 Jahren Umgestaltung im
Wesentlichen so präsentiert, wie es auf humanistischen Kartenwerken des 15.
Jahrhunderts zu sehen ist.
Der zweite Exkursionstag begann für Freunde des gepflegten Morgensports mit einem
besonderen Schmankerl: Die Besteigung der Domkuppel von Santa Maria del Fiore. Trotz
der enormen körperlichen Anstrengung – immerhin waren bis zur Spitze genau 463
Treppenstufen zu erzwingen – standen am Ende dieses Programmpunktes nicht die
Strapazen im Vordergrund, sondern der Erkenntnisgewinn, den der Ausblick bereithielt.
Abgesehen von seiner Schönheit bietet die Aussicht nämlich auch den Vorteil, dass
bestimmte machtpolitische Baustrukturen nachvollzogen werden können. Bis heute
präsentiert sich die Stadt im Wesentlichen geprägt durch die Baumaßnahmen der Medici
oder anderer Adelsfamilien, wie dem Palazzo Strozzi und einige wenige, dafür aber
bedeutsame sakrale Bauten, wie der Klosterkomplex von Santa Maria Novella oder San
Lorenzo. Vor dem Ospedale degli Innocenti lernten die Studierenden über die spannende
Verflechtung von gemeinnützigen Einrichtungen und dem Repräsentationsbestreben der
Medici und bewunderten die programmatische Renaissance-Architektur von
Brunelleschi. Nach einem letzten verzweifelten Blick auf den Schrittzähler, der bereits
gegen Mittag eine Ruhepause nahelegte, besuchten wir als letzten Punkt des Tages die
weitläufigen Museumsräume der Uffizien. Dabei gingen wir „ganz wie die Kunsthistoriker“
an fast allen ausgestellten Kunstwerken vorbei und konzentrierten uns nur auf einige
wenige ausgewählte, die die Kunstgeschichte maßgeblich beeinflusst haben oder in
direkter Verbindung mit den Medici stehen, darunter die beiden Maestà-Darstellungen
von Giotto und Cimabue, die Tribuna oder die Medici-Porträts von Bronzino, sowie die
Sammlungstätigkeit Kardinal Leopoldo de‘ Medici.
Am nächsten Tag widmete sich unsere Gruppe den monastischen Gemeinschaften von
Florenz. Startpunkt war das Dominikaner- und Hauskloster der Medici San Marco, das
heute vor allem durch seine kunsthistorischen Schätze bekannt ist, darunter das
Abendmahl von Ghirlandaio und die einzigartige Freskenausstattung des Mönchs Fra
Angelico, zweifellos ein Höhepunkt der Exkursion. Anlässlich der großen Fra Angelico
Retrospektive im Palazzo Strozzi waren in der Bibliothek des Klosters auch einige
Manuskripte mit Buchmalereien aus seiner Hand ausgestellt. Nach dem Besuch der
prächtigen Capella dei Principi, der Grablege der Medici, die wir aufgrund von
ästhetischen Gründen schnell wieder verlassen mussten, widmeten wir uns der alten und
neuen Sakristei von San Lorenzo und der Bibliotheca Laurenziana, einem Geburtsort des
Manierismus. Eine Führung durch das Deutsche Kunsthistorische Institut Florenz und
seine Studienbibliothek erlaubten uns einen Einblick in von deutscher Seite institutionell
geförderte Erforschung der Stadt und ihrer Kunstgeschichte. Der Abschluss des dritten
Tages war das gemeinsame Abendessen in einer Locanda bei San Lorenzo, die – wie sollte
es auch anders sein – den Namen „dei Medici“ trägt, wo es u.a. zu theologischen
Streitgesprächen kam.
Am Donnerstag hatten die Studierenden und auch Prof. Rudolph den längsten
Exkursionstag in ihren Karrieren: von 7:45 bis 23:00 sollte die Gruppe auf den Beinen sein.
Der Tag begann mit einer Zug- und Busfahrt ins florentinische Umland, wo drei Landvillen
der Medici besichtigt wurden: Poggio a Caiano, Castello und La Petraia. An ihnen ließen
sich viele grundsätzliche Züge der toskanischen Geschichte nachvollziehen – so anhand
der Entwicklung der Villen von landwirtschaftlich geprägten Betrieben und wehrhaften
Trutztürmen, die der Kontrolle des Umlands dienten, hin zu repräsentativen Landsitzen,
die den Machthabern zur Erholung von der Enge der Stadt dienten. Diese Nutzung reicht
von der Zeit der Medici bis hin zum italienischen König Viktor Emanuel. Nach der
Rückkehr in die Stadt wurde der Palazzo Medici Riccardi als repräsentativer Stadtpalast
der frühen Medici besucht, bei dessen Besichtigung das Personal eher hinderlich denn
förderlich war. Nichtsdestotrotz beeindruckte besonders die Cappella dei Magi als
Hausheilige der Medici mit den Fresken aus der Hand Benozzo Gozzolis, welche die Reise
der Heiligen Drei Könige nach Betlehem zeigt. Im Anschluss daran wurde der Gruppe eine
taktische Pause zur Wiederherstellung ihrer Kräfte gewährt, sodass auch der letzte Coup
des Tages, der Besuch der Fra Angelico-Ausstellung im Palazzo Strozzi gelingen konnte.
Der Anspruch der Ausstellung war nicht geringer, als das weitverstreute Werk des Beato
Angelico zusammenzuführen. Über drei Stunden hinweg ließ sich ein weiter Bogen über
sämtliche Werkphasen, den künstlerischen Kontext, die maßgeblichen Vorbilder und
Konkurrenten sowie die stilistische Entwicklung des Künstlers spannen, wobei die tiefe
Spiritualität der Werke Fra Angelicos in dieser Museumsnacht noch einmal viel stärker
erlebbar war.
Der letzte Tag der Exkursion hielt die meisten organisatorischen Herausforderungen
bereit.
Aufgrund einer solidarischen Arbeitsniederlegung der italienischen
Gewerkschaften war der Besuch zweier Stationen des Programms nicht möglich, sowohl
der Palazzo Pitti als auch die Brancacci-Kapelle in Santo Spirito blieben der Gruppe
verwehrt. Auch die Heimreise gestaltete sich wegen der Situation an den Bahnhöfen und
am Flughafen für einige Teilnehmer schwieriger. Trotz dieser Einschränkungen bildeten
die Besichtigung der Capponi-Kapelle mit ihrer Ausstattung von Pontormo und der
geführte Rundgang durch den Boboli-Garten, in denen die landschaftsarchitektonischen
Besonderheiten des italienischen gegenüber dem englischen Gartenstil verdeutlicht
wurden, einen ebenso anregenden Abschluss der Exkursion.
Zuletzt bleibt festzuhalten, wie bereichernd und stimmig zusammengestellt das
Programm der Exkursion war, welches die Gruppe durch die Stadt und ihre Geschichte
führte. Der umfassende Anspruch, die Historie und die Macht einer Familie in Architektur,
Kunst, Religion und Performanz nachvollziehbar zu machen und zu einem vertieften
Verständnis dieser Zusammenhänge zu gelangen, wurde – dank der Referate, der
Exkursionsleiterin und dem gegenseitigen Austausch in Gesprächen – voll erfüllt.
Aktuelles: Florenzexkursion des Hauptseminars „Florenz und die Medici. Sozialer Aufstieg und kultureller Geltungsdrang einer europäischen Dynastie“
Ende September/Anfang Oktober 2025 reiste eine Gruppe Studierender und Lehrstuhlmitarbeiterinnen im Rahmen des genannten Hauptseminars unter der Leitung von Harriet Rudolph nach Florenz, um sich auf die Spuren der Familie der Medici zu begeben.
03. Oktober 2025, von Josef Johann Griesbeck und Linus Zimmermann