Seit mehr als 50 Jahren bildet das Standardmodell der Teilchenphysik die Grundlage unseres Verständnisses der Natur auf kleinster Skala. Es beschreibt das Verhalten von Elementarteilchen unter Einwirkung der fundamentalen Naturkräfte.
Ein internationales Forschungsteam hat mit Hilfe modernster Supercomputer gezeigt, dass das Standardmodell auch die magnetischen Eigenschaften eines Myons korrekt beschreibt. Dr. habil. Davide Giusti, der an der Universität Regensburg und am Forschungszentrum Jülich forscht, konnte zusammen mit dem Rest des Teams die Grenzen des Supercomputing mit bislang unerreichter Präzision erweitern und zeigen, dass das Standardmodell den in den Experimenten gemessenen Wert des anomalen magnetischen Moments des Myons erklären kann.
Das Myon wurde bereits 1936 entdeckt und ist ein schwerer „Verwandter“ des Elektrons. Es entsteht unter anderem, wenn kosmische Strahlung auf die Erdatmosphäre trifft. Tatsächlich durchdringen jede Minute hunderte Myonen unseren Körper. Aufgrund ihrer magnetischen Eigenschaften sind Myonen besonders empfindliche Testobjekte für grundlegende Naturgesetze. Seit den 1960er‑Jahren haben eine Reihe immer präziserer Experimente an internationalen Großforschungszentren wie CERN, dem Brookhaven National Laboratory und dem Fermi National Accelerator Laboratory (Fermilab) ihr magnetisches Moment mit außergewöhnlicher Genauigkeit vermessen. Diese jahrzehntelange experimentelle Forschungsleistung wurde kürzlich mit dem renommierten Breakthrough Prize in Fundamental Physics 2026 (externer Link, öffnet neues Fenster) ausgezeichnet. Über viele Jahre hinweg zeigten sich kleine, aber hartnäckige Abweichungen zwischen Messungen und theoretischen Vorhersagen - ein Befund, der die Physik vor ein grundlegendes Rätsel stellte.
Diese scheinbare Diskrepanz nährte lange Zeit Hoffnungen auf neue, bislang unbekannte Physik. Erst durch einen entscheidenden Fortschritt in der Theorie konnte das Puzzle nun gelöst werden. Der Schlüssel liegt in einer extrem präzisen Berechnung der sogenannten hadronischen Vakuumpolarisation – einem der komplexesten und bislang unsichersten Beiträge zur Theorie. Mit einem innovativen hybriden Ansatz, der leistungsstarke Gitterrechnungen mit ausgewählten, gut verstandenen experimentellen Daten kombiniert, gelang es dem Team, die Unsicherheit deutlich zu reduzieren.
Die Berechnungen erfolgten auf Supercomputern. Die erzielte Genauigkeit ist außergewöhnlich: Sie ist vergleichbar mit dem Versuch, eine einzige Ameise auf einer Strecke von über 100 aneinandergereihten Fußballfeldern zu identifizieren. Möglich wurde die dies durch feine vierdimensionale Gitter, verbesserte Rechenmethoden und die intelligente Kombination verschiedener theoretischer Zugänge.
Das Ergebnis ist ein Meilenstein: Die neue Vorhersage des Standardmodells stimmt mit den aktuellsten experimentellen Messungen des Myon-Magnetmoments bis auf 0,5 Standardabweichungen überein. Damit gilt das Standardmodell in diesem besonders anspruchsvollen Test als bestätigt – auf beeindruckende elf Dezimalstellen genau.
Möglich wurde dieser Durchbruch durch den Einsatz modernster Supercomputer. Dabei handelt es sich um Hochleistungsrechner, die aus Hunderttausenden bis Millionen gleichzeitig arbeitender Recheneinheiten bestehen und extrem komplexe Aufgaben parallel bearbeiten können. In der vorliegenden Studie wurden diese Rechner genutzt, um die Gleichungen des Standardmodells numerisch zu lösen, indem Raum und Zeit in ein sehr feines Rechengitter unterteilt wurden. Nur mit dieser enormen Rechenleistung lassen sich die winzigen Quanteneffekte der starken Wechselwirkung mit der nötigen Genauigkeit erfassen. Supercomputer sind damit eine unverzichtbare Schlüsseltechnologie für präziseste Tests grundlegender Naturgesetze.
Die Arbeiten unterstreichen nicht nur die Leistungsfähigkeit moderner Supercomputer, sondern auch die Stärke quantenfeldtheoretischer Methoden insgesamt.
Die Ergebnisse wurden in Nature veröffentlicht. https://doi.org/10.1038/s41586-026-10449-z (externer Link, öffnet neues Fenster)
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Dr. habil. Davide Giusti
Fakultät für Physik, Universität Regensburg
Jülich Supercomputing Centre, Forschungszentrum Jülich
E-mail: davide.giusti@ur.de I d.giusti@fz-juelich.de