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Aktuelles: Nachruf auf Prof. Dr. Dr. h.c. mult. Rainer Arnold

09. Januar 2025, von Robert Uerpmann-Wittzack

  • Rechtswissenschaft

Rainer Arnold wurde am 22. Oktober 1943 in Marienbad im heutigen Tschechien geboren. 1968 wurde er in Würzburg mit einer Arbeit zum Rangverhältnis zwischen dem Recht der Europäischen Gemeinschaften und dem innerdeutschen Recht promoviert. Nur vier Jahre, nachdem der EuGH in der Sache Costa/ENEL die Autonomie und den Vorrang des Gemeinschaftsrechts postuliert hatte, gehörte er damit zu den Pionieren der Europarechtswissenschaft. Am Puls der Zeit war er auch mit seiner Habilitationsschrift, die er 1973, im Jahr des britischen Beitritts zu den Europäischen Gemeinschaften, vorlegte. Die Schrift war der Parlamentssouveränität im britischen Verfassungsrecht als Hauptproblem des britischen Beitritts gewidmet. Damit habilitierte er sich für die Fächer deutsches und ausländisches öffentliches Recht sowie Völkerrecht und damit waren seine großen Themen: Europäische Integration und Verfassungsrechtsvergleichung, früh gesetzt.

Nach der Habilitation trat er eine Stelle an der Universität Konstanz an, bevor er 1978 als Nachfolger von Prodromos Dagtoglou an die Universität Regensburg berufen wurde. Dort bekleidete er den Lehrstuhl für öffentliches Recht, Rechtsvergleichung, Recht der Europäischen Gemeinschaften, Wirtschaftsverwaltungsrecht und ausländisches öffentliches Recht, der 1999 zum Jean-Monnet-Lehrstuhl wurde. 1981-1983 war er Dekan der Juristischen Fakultät.

Rainer Arnold war polyglott. Er war nicht nur in den gängigen westeuropäischen Sprachen zu Hause, sondern beherrschte auch Russisch und Tschechisch. Selbst seine Kommunalrechtsvorlesung hielt er bisweilen dreisprachig, damit seine zahlreichen ERASMUS-Studierenden folgen konnten. Bei seinen Kongressen zum vergleichenden und europäischen Verfassungsrecht, die er über zwei Jahrzehnte in Regensburg durchführte, konnte es geschehen, dass Rainer Arnold selbst in die Dolmetscherkabine eilte, um bei der Simultanübersetzung einzuspringen.

Seine stupenden Sprachkenntnisse prädestinierten ihn zum Brückenbauer. Als es in den 1990er Jahren darum ging, die Staaten des ehemaligen Ostblocks in ein gemeinsames Europa zu integrieren, kam diese Rolle zur vollen Entfaltung. Rainer Arnold baute ein Netzwerk von Verfassungsrichtern- und -rechtswissenschaftlern auf, das er auf 150 bis 200 Personen bezifferte. Kernstück waren die bereits erwähnten jährlichen Kongresse, auf denen sich, was Rang und Namen in der mittel- und osteuropäischen Verfassungsgerichtsbarkeit und  rechtswissenschaft hatte, an der Universität Regensburg versammelte, um sich mit Kolleginnen und Kollegen aus West-, Süd-, Ost- und Südosteuropa auszutauschen und zu vernetzen. Fundament seines Netzwerks war nicht zuletzt seine verbindliche Gastfreundschaft, wenn er etwa die zahlreichen Teilnehmenden seines Kongresses abends gemeinsam mit seiner Frau Barbara in seinem Haus empfing.

Hinzu kamen bilaterale Kontakte und eine unermüdliche Reisetätigkeit. Auch hier verband Rainer Arnold Ost und West. Im slawischen Sprachraum war er ebenso zu Hause wie in der romanischen Welt. An der Prager Karls-Universität lehrte er wie im Pariser Quartier Latin. Es ist bezeichnend für Rainer Arnold, dass die erste Meldung von seinem Tod vom moldauischen Verfassungsgericht veröffentlicht wurde. Die Pressemitteilung beklagt den Tod eines engagierten Freundes.

Zu den Höhepunkten seiner Karriere gehört die Schule des deutschen Rechts an der Lomonossov-Universität in Moskau, die Rainer Arnold 2002 gegründet und bis 2012 geleitet hat. Sein Regensburger Fakultätskollege Gerrit Manssen hat den erfolgreichen Studiengang fortgeführt, bis er mit dem Russischen Angriffskrieg auf die Ukraine nach zwanzig Jahren ein jähes Ende genommen hat. In einer Welt zunehmender Nationalismen werden Brückenbauer wie Rainer Arnold fehlen.

Vier Ehrenpromotionen würdigen seine Verdienste um die Entwicklung des Verfassungsrechts in Europa. Er erhielt die Ehrendoktorwürde der Kyjiwer Rechtsuniversität der Nationalen Akademie Wissenschaften der Ukraine (2012), der „1 Decembrie 1918“ Universität Alba Iulia (2013), der Universität Piteşti (2014) sowie der Universität der Moldauischen Akademie der Wissenschaften (2017).

Ausweislich des Jahresberichts der Universität Regensburg ist Rainer Arnold 2012 „in den Ruhestand eingetreten“, doch stimmt dies allenfalls in einem formaljuristischen Sinn. Tatsächlich nutzte er die gewonnene Freiheit, um sein wissenschaftliches Netzwerk intensiv weiter zu pflegen. So hielt er im Oktober 2024 die Eröffnungsrede auf der Konferenz der Verfassungsgerichte der Balkanstaaten in Prishtina, bevor er im November zwei Wochen lang an der Universität Las Palmas de Gran Canaria unterrichtete, wie er es seit 15 Jahren tat. Eine Tagung in Lyon stand vor Weihnachten ebenfalls auf dem Programm. Kurz nach dem Jahreswechsel ist Rainer Arnold am 9. Januar 2025 mit 81 Jahren überraschend verstorben.

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