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Aktuelles: Internationale Tagung an der UR - Wie werden Menschen zu Beteiligten an moralisch verwerflichen Handlungen?

Das EASP Meeting „Obedience to Authority: Milgram's Legacy and Emerging Directions“ bringt Psychologie, Geschichtswissenschaft und Erinnerungskultur in Regensburg zusammen

10. August 2026, von Dr. Felix Johannes Götz

  • Humanwissenschaften
  • Forschung
  • Internationalisierung
  • Konferenz, Tagung, Symposium
  • Veranstaltung

Wie werden Menschen zu Beteiligten an moralisch verwerflichen Handlungen? Wie entstehen daraus Systeme der Gewalt? Und was ermöglicht Widerstand? Diesen Fragen widmet sich die internationale Konferenz „Obedience to Authority: Milgram's Legacy and Emerging Directions (externer Link, öffnet neues Fenster)“, die vom 9. bis 11. September 2026 an der Universität Regensburg und der KZ-Gedenkstätte Flossenbürg stattfindet.

80 Jahre nach dem Ende der Nürnberger Prozesse und rund 65 Jahre nach Stanley Milgrams berühmten Gehorsamsexperimenten kommen rund 30 Wissenschaftler*innen aus Europa und Nordamerika in Regensburg zusammen. Sie ziehen Bilanz zum aktuellen Stand der psychologischen Gehorsamsforschung und setzen deren Erkenntnisse erstmals systematisch mit historischen Perspektiven auf Gewalt, Täterschaft und Widerstand in Beziehung.

„Seit Milgram wissen wir, dass viele gewöhnliche Menschen bereit sind, Autoritäten auch dann zu folgen, wenn andere dadurch zu Schaden kommen. Heute interessiert uns jedoch weniger die Frage, ob Menschen gehorchen, sondern vielmehr: Wie werden Menschen zu Beteiligten an moralisch verwerflichen Handlungen? Wie entstehen daraus Systeme der Gewalt? Und was ermöglicht Widerstand? Um diese Fragen beantworten zu können, sollten Psychologie und Geschichtswissenschaft – und perspektivisch vielleicht auch weitere Disziplinen – stärker miteinander ins Gespräch kommen“, erklärt Dr. Felix Johannes Götz vom Lehrstuhl für Allgemeine und Angewandte Psychologie der Universität Regensburg.

65 Jahre nach Milgram: Wo steht die Gehorsamsforschung heute?

Seit Stanley Milgrams berühmten Experimenten in den 1960er-Jahren gehört Gehorsam gegenüber Autorität zu den bekanntesten Themen der Sozialpsychologie. Milgram zeigte, dass viele gewöhnliche Menschen bereit waren, einer Autorität auch dann Folge zu leisten, wenn dies bedeutete, einer anderen Person scheinbar erhebliche Schmerzen zuzufügen. Zur Erklärung argumentierte er, Menschen würden unter Autorität Verantwortung teilweise an die anweisende Instanz übertragen.

Heute befindet sich die Gehorsamsforschung in einer Phase grundlegender Weiterentwicklung. Neue experimentelle Paradigmen, neurowissenschaftliche Befunde und theoretische Ansätze haben Milgrams ursprüngliche Interpretation erweitert, hinterfragt und teilweise neu bewertet. Im Mittelpunkt stehen heute unter anderem Verantwortung, Handlungsspielräume, sozialer Einfluss, Entscheidungskonflikte sowie unterschiedliche psychologische Mechanismen, über die Gehorsam entstehen kann.

Auch die Geschichtswissenschaft hat die Vorstellung einfacher Befehlsketten grundlegend differenziert. Historische Forschungen zeigen, dass Beteiligung an organisierter Gewalt und Massenverbrechen häufig weder allein aus ideologischer Überzeugung noch ausschließlich aus unmittelbarem Zwang hervorging. Vielmehr spielten situative Zwänge, Gruppendruck, organisatorische Arbeitsteilung, routinisierte Abläufe sowie die Bereitschaft, erwartete Wünsche von Vorgesetzten vorwegzunehmen, eine entscheidende Rolle. Beide Forschungsrichtungen haben sich in den vergangenen Jahrzehnten erheblich weiterentwickelt – bislang jedoch weitgehend unabhängig voneinander.

Vom Labor zur Geschichte – und zurück

Die Regensburger Konferenz bringt diese beiden Entwicklungen erstmals systematisch miteinander ins Gespräch. Sie verfolgt einen bewusst zweistufigen wissenschaftlichen Ansatz. Während der ersten beiden Konferenztage diskutieren führende Psycholog*innen und Neurowissenschaftler*innen aktuelle Entwicklungen der Gehorsamsforschung. Diskutiert werden dabei grundlegende Fragen danach, wie Gehorsam heute theoretisch verstanden, experimentell untersucht und durch unterschiedliche psychologische Mechanismen erklärt wird. Historiker*innen begleiten diese Diskussionen von Beginn an, bringen ihre Perspektiven frühzeitig ein und bereiten gemeinsam mit den Psycholog*innen den dritten Konferenztag vor.

Am Donnerstagvormittag öffnet sich die Konferenz mit zwei universitätsöffentlichen Keynote-Vorträgen auch für die Hochschulöffentlichkeit. Die Sozial-Neurowissenschaftlerin Prof. Dr. Emilie Caspar (Ghent University, Belgien) gibt einen Überblick über aktuelle Entwicklungen der psychologischen und neurowissenschaftlichen Gehorsamsforschung. Anschließend zeigt die Militärhistorikerin Prof. Dr. Tanja Bührer (Universität Salzburg, Österreich) historische Perspektiven auf Autorität, Gewalt und militärische Organisationen auf.

Der dritte Konferenztag, der in enger Kooperation mit dem Zentrum Erinnerungskultur (ZE) an der Universität Regensburg organisiert wird, steht unter dem Leitmotiv „Obedience to Authority: Interdisciplinary Perspectives“. Er führt beide Perspektiven an der KZ-Gedenkstätte Flossenbürg zusammen. Dort stehen Forschungen zu Täterschaft, organisatorischen Strukturen nationalsozialistischer Gewalt und Formen des Widerstands im Mittelpunkt. Nach einer wissenschaftlichen Führung durch Prof. Dr. Jörg Skriebeleit diskutieren Historiker*innen und Psycholog*innen gemeinsam, wie sich experimentelle Erkenntnisse zu Gehorsam, Verantwortung und Widerstand mit historischen Analysen in Beziehung setzen lassen – und welche neuen Fragen historische Forschung umgekehrt an psychologische Modelle von Gehorsam stellt.

Die KZ-Gedenkstätte Flossenbürg bildet dabei keinen nachgelagerten Programmpunkt, sondern den wissenschaftlichen Höhepunkt der Konferenz. Im Rahmen der von Prof. Dr. Jörg Skriebeleit initiierten Demokratiewerkstatt zur Zukunft der Erinnerungskultur diskutieren die Teilnehmenden gemeinsam, welche Impulse psychologische Forschung für Erinnerungskultur und historische Bildungsarbeit geben kann – und umgekehrt, welche Herausforderungen historische Forschung für psychologische Modelle von Gehorsam bereithält. 

Neue Perspektiven auf Gehorsam, Gewalt und Widerstand

Die Tagung versteht sich als Ausgangspunkt eines langfristigen Dialogs zwischen Psychologie, Geschichtswissenschaft und Erinnerungskultur. Ziel ist es, psychologische Erkenntnisse über Gehorsam systematisch mit historischen Analysen von Gewalt, Täterschaft und Widerstand in Beziehung zu setzen und daraus neue Forschungsfragen für beide Disziplinen zu entwickeln. Der Austausch soll damit nicht nur den aktuellen Forschungsstand zusammenführen, sondern vor allem neue Perspektiven auf drei Leitfragen eröffnen:

•          Wie werden Menschen zu Beteiligten an moralisch verwerflichen Handlungen?

•          Wie entstehen daraus Systeme der Gewalt?

•          Was ermöglicht Widerstand?

Organisiert wird die Konferenz von einem internationalen und interdisziplinären Team aus den Psycholog*innen Dr. Felix Götz (Universität Regensburg), Dr. Vanessa Mitschke (Universität Göttingen), Prof. Dr. Megan Birney (University of Birmingham, Vereinigtes Königreich) und Prof. Dr. Emilie Caspar (Ghent University, Belgien), den Historiker*innen Dr. Michael Rösser und M.A. Eileen Weiß (Zentrum Erinnerungskultur, Universität Regensburg) sowie dem Leiter der KZ-Gedenkstätte Flossenbürg, Prof. Dr. Jörg Skriebeleit (zugleich Kodirektor des Zentrums Erinnerungskultur, Universität Regensburg). Die Konferenz findet in Kooperation mit der European Association of Social Psychology (EASP), dem Zentrum Erinnerungskultur der Universität Regensburg sowie der KZ-Gedenkstätte Flossenbürg statt. Gefördert wird sie von der Deutschen Forschungsgemeinschaft (DFG), der Vielberth Universitätsstiftung sowie den beteiligten Kooperationspartnern.

 

Öffentliche Vorträge

 

Was     : „From interviews with genocide perpetrators to the neuroscience of obedience”

Wer     : Prof. Dr. Emilie Caspar, Ghent University, Belgien

Wann   : Donnerstag, 10.09.2026, 9.00 Uhr

Wo      : H24, Vielberth-Gebäude, Universität Regensburg

 

Was     : „Obedience to Authority and Excessive Violence in Colonial Contexts”

Wer     : Prof. Dr. Tanja Bührer, Universität Salzburg, Österreich

Wann   : Donnerstag, 10.09.2026, 10.00 Uhr

Wo      : H24, Vielberth-Gebäude, Universität Regensburg

 

Hier geht es zur Webseite der Konferenz (externer Link, öffnet neues Fenster)

Kontakt aufnehmen

Dr. Felix Johannes Götz

Lehrstuhl für Psychologie II
Universität Regensburg
E-Mail: felix-johannes.goetz@ur.de

Dr. Michael Rösser
Zentrum Erinnerungskultur
Universität Regensburg
E-Mail: michael.roesser@ur.de

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