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Ausgehend vom handlungstheoretischen Ansatz nach Wilhelm Pfeffer (1984) kann geistige Behinderung als eingeschränkte Handlungskompetenz verstanden werden, die in einer unzureichenden Passung zwischen den individuellen Handlungsdispositionen des Individuums einerseits und den Anforderungen einer bestimmten Handlungssituation andererseits zum Ausdruck kommt. Diese Sichtweise ist sowohl anschlussfähig an die internationale Definition der AAIDD, die geistige Behinderung beschreibt als „a disability characterized by significant limitations in both intellectual functioning and in adaptive behavior“ (Schalock et al., 2022) als auch an das bio-psycho-soziale Modell von Behinderung der ICF (Deutsches Institut für Medizinische Dokumentation und Information (DIMDI) 2005).

Übergeordnetes Ziel einer Pädagogik bei geistiger Behinderung muss es daher sein, die Handlungskompetenz von Menschen mit geistiger Behinderung und damit die Möglichkeit für Teilhabe und Inklusion zu stärken.

Der Lehrstuhl Pädagogik bei geistiger Behinderung einschließlich inklusiver Pädagogik widmet sich im Projekt AKo dem Thema adaptiver Kompetenzen bei Schülerinnen und Schülern im Förderschwerpunkt geistige Entwicklung. Das Vorhaben ist modular aufgebaut.

Modul 1: Diagnostik und empirische Erfassung adaptiver Kompetenzen

Vor 2021 lagen keine aktuellen, standardisierten und für Deutschland normierten Erhebungsinstrumente für das adaptive Verhalten bei geistiger Behinderung vor. Dementsprechend rudimentär zeigt sich die Befundlage im deutschsprachigen Raum (Selmayr & Dworschak, 2021). Mit dem Vineland-3 (Sparrow et al., 2021) und dem angekündigten ABAS-3 (Bienstein et al., 2017) eröffnet sich nun die Möglichkeit, die adaptiven Kompetenzen von Menschen mit geistiger Behinderung zu erfassen und differenziert zu beschreiben (Dworschak & Kölbl, 2022).

In einem ersten Schritt werden die adaptiven Kompetenzen von Schüler:innen mit geistiger Behinderung in einem deskriptiven Querschnitt-Design mittels des Vineland-3 eingeschätzt. Als Stichprobe dienen die Förderzentren mit dem Förderschwerpunkt geistige Entwicklung im Regierungsbezirk Niederbayern. Im Rahmen einer Vollerhebung werden die adaptiven Kompetenzen der Schüler:innen anhand des Lehrkräftefragebogens eingeschätzt. Ziel dieses Vorhabens ist die differenzierte Beschreibung der adaptiven Funktionsniveaus sowie die Analyse von Entwicklungsprofilen in der breiten Querschnittbetrachtung (SVE bis Berufsschulstufe).

Die Daten wurden im Frühsommer 2023 erhoben.

Weitere Informationen auf unserem Projektposter (öffnet neues Fenster). (nicht barrierefrei).

Modul 2: Wünsche und Ziele im Kontext Handlungskompetenz – partizipative Aspekte

In einem zweiten Schritt sollen in einem qualitativen Design Schüler:innen und ihre Bezugspersonen nach persönlichen Wünschen und Zielen im Hinblick auf ihre adaptiven Kompetenzen befragt werden (N ca. 10). Ziel dieses Vorhabens ist es, die Schüler:innen bei der Auswahl der zu stärkenden Kompetenzen mit einzubeziehen und so partizipative Anteile im Forschungsvorhaben umzusetzen. Ziel des Vorhabens ist es, die Wünsche und Ziele der Schüler:innen selbst und ihrer Bezugspersonen als Grundlage in die pädagogisch-didaktische Planung des Kompetenzaufbaus einzubeziehen.

Modul 3: Intelligenz und adaptive Kompetenzen – (Wie) Hängt das zusammen?

Im Bereich der medizinisch-psychologischen Diagnostik zeigt sich international der Konsens, dass für die Diagnosestellung einer Störung der intellektuellen Entwicklung signifikant unterdurchschnittliche Ergebnisse sowohl im Bereich des intellektuellen Funktionsniveaus als auch der adaptiven Kompetenzen vorliegen müssen (Bundesinstitut für Arzneimittel und Medizinprodukte [BfArM], 2023, 6A00; Falkai et al., 2018, S. 43ff; Schalock, Luckasson & Tassé, 2021b; zusammenfassend Schalock, Luckasson & Tassé, 2021a). 

Konträr dazu wird bei der Prüfung der Leistungsberechtigung im Rahmen der Eingliederungshilfe (§ 99 SGB IX) häufig lediglich auf Ergebnisse einer Intelligenztestung abgestellt (Bundesministerium für Arbeit und Soziales, 2024). Diese Verwaltungspraxis könnte durch den derzeit diskutierten Entwurf einer „Verordnung über die Leistungsberechtigung in der Eingliederungshilfe“ gemäß § 99 Abs. 4 SGB IX Änderungen erfahren, welche u.a. erstmalig adaptive Kompetenzen explizit als Entscheidungskriterium berücksichtigt.

Auch im Rahmen der Zuweisung der schulrechtlichen Kategorie des „sonderpädagogischen Unterstützungsbedarfs im Schwerpunkt geistige Entwicklung“ wird die Bedeutung adaptiver Kompetenzen zunehmend beachtet (Kultusministerkonferenz [KMK], 2021) und als zweites Kernkriterium gemeinsam mit dem kognitiven Funktionsniveau zur Diskussion gestellt (Dworschak, Baysel & Hackl, 2024).

Angesichts der zunehmenden Bedeutung dieses Doppelkriteriums - bestehend aus dem adaptiven und kognitiven Funktionsniveau - bedarf es erster belastbarer Befunde bezüglich des Zusammenhangs beider Konstrukte im deutschsprachigen Raum; insbesondere im sogenannten Grenzbereich um den IQ-Wert 70 können die Zusammenhangsbefunde zu einer Reduktion der bisher bestehenden diagnostischen Unsicherheit beitragen. 

Demzufolge sollen im Rahmen einer deskriptiven Querschnittserhebung bei Schüler:innen in den sonderpädagogischen Schwerpunkten ‚Geistige Entwicklung‘ und ‚Lernen‘ (N ca. 100) valide Daten bezüglich des adaptiven und kognitiven Funktionsniveaus erhoben werden. Mithilfe dieser Daten soll einerseits ein erster Beitrag zur Bearbeitung des vorliegenden Forschungsdesiderats geleistet werden und andererseits Implikationen des erfassten Zusammenhangs in den skizzierten Praxisfeldern diskutiert werden. 

Information an die Eltern: Erhebungsinstrumente (öffnet neues Fenster). (nicht barrierefrei)

Förderung: Dieses Projekt wird aus Mitteln der Heidehof Stiftung gefördert.

Projektzeitraum: 09/2024 – 08/2027

Rahmendaten und Kontakte

Projektleitung und -durchführung

Prof. Dr. Wolfgang Dworschak, Paul Herrmanns, Dr. Sabine Kölbl, Anna Selmayr

Projektzeitraum

seit 2021

Publikationen

  • Selmayr, A. & Kölbl, S. (2025). Adaptives Verhalten von Schülerinnen und Schülern mit Autismus-Spektrum-Störung im sonderpädagogischen Schwerpunkt Geistige Entwicklung. Empirische Sonderpädagogik 17(1), 19-34
  • Selmayr, A.; Kölbl, S & Dworschak, W. (2025). Über welche adaptiven Kompetenzen verfügen Schüler:innen im Förderschwerpunkt geistige Entwicklung? Spuren, 68(2), 20-24. doi.org/10.5283/epub.77378
  • Selmayr, A.; Kölbl, S. & Dworschak, W. (2024). Adaptive Kompetenzen von Schülerinnen und Schülern im sonderpädagogischen Schwerpunkt Geistige Entwicklung in Bayern. Zeitschrift für Heilpädagogik 75(12), 557-566.  doi.org/10.5283/epub.59754
  • Irblich, D., Kölbl, S. & Scholz, M. (2023). Verfahrensinformation zu den Vineland-3. Deutsche Fassung der Vineland Adaptive Behavior Scales – Third Edition (unter Mitarbeit von Gerolf Renner, Dia-Inform Verfahrensinformationen 012-01). Ludwigsburg: Pädagogische Hochschule Ludwigsburg.
    https://phbl-opus.phlb.de/frontdoor/index/index/searchtype/collection/id/16235/docId/960/start/0/rows/10
  • Dworschak; W. & Kölbl, S. (2022). Adaptives Verhalten. Zur Bedeutung eines (zu) wenig beachteten Konstrukts im Kontext geistiger Behinderung aus diagnostischer Sicht. In M. Gebhardt, D. Scheer & M. Schurig (Hrsg.), Handbuch der sonderpädagogischen Diagnostik (S. 175-190). Regensburg: Universitätsbibliothek. doi.org/10.5283/epub.53341
  • Selmayr, A. & Dworschak, W. (2021). Praktische Alltagskompetenzen. In D. Baumann, W. Dworschak, M. Kroschewski, C. Ratz, A. Selmayr & M. Wagner (Hrsg.), Schülerschaft mit dem Förderschwerpunkt geistige Entwicklung (SFGE II) (S. 201–215). Athena bei wbv.

Literatur

  • Bienstein, P., Döpfner, M. & Sinzig, J. (2017). Fragebogen zu den Alltagskompetenzen: ABAS-3. Englische Fassung: Patti L. Harrison & Thomas Oakland. Deutsche Evaluationsfassung.
  • Deutsches Institut für Medizinische Dokumentation und Information (DIMDI) (2005): Internationale Klassifikation der Funktionsfähigkeit, Behinderung und Gesundheit. Hg. v. Deutsches Institut für Medizinische Dokumentation und Information (DIMDI).
  • Pfeffer, W. (1984). Handlungstheoretisch orientierte Beschreibung geistiger Behinderung: Ein Versuch. Geistige Behinderung(2), 101–111.
  • Schalock, R. L [Robert. L.], Luckasson, R. & Tassé, M. J [Marc. J.]. (2021). Intellectual Disability: Definition, diagnosis, classification, and Systems of Supports (12th edition). AAIIDD.
  • Tassé, M. J., Schalock, R. L., Balboni, G., Bersani, Henry, Borthwick-Duffy, S. A., Spreat, S., Thissen, D., Widaman, K. F. & Zhang, D. (2012). The Construct of Adaptive Behavior: Its Conzeptualization, Measurement, and Use in the Field of Intellectual Disability. American journal on intellectual and developmental disabilities, 117(4), 291–303.
  • Sparrow, S. S. & Cicchetti, Domenic V., Saulnier, Celine A. (2021). Vineland-3: Vineland Adaptive Behavior Scale - Third Edition. Deutsche Fassung.
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