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Beckett auf Deutsch

Beckett, der sowohl auf Englisch als auch auf Französisch schrieb, gilt als Inbegriff des zweisprachigen Autors. Seine Selbstübersetzungen stellen herkömmliche Hierarchien zwischen Original und Übersetzung infrage. Dokumente aus dem Tophoven-Archiv in Straelen, die hier mit freundlicher Genehmigung von Erika Tophoven gezeigt werden, veranschaulichen jedoch auch seine enge Mitwirkung an den deutschen Übersetzungen seiner Werke.

Beginnend mit Warten auf Godot im Jahr 1953 entstanden fast alle deutschen Übersetzungen in enger Zusammenarbeit zwischen Elmar und Erika Tophoven mit Beckett selbst. Bei regelmäßigen Treffen in seiner Pariser Wohnung hörte sich Beckett die Übersetzungsentwürfe an und richtete seine Aufmerksamkeit insbesondere auf intertextuelle Bezüge, Wiederholungen und klangliche Echoeffekte. Diese Elemente waren zentral, um Leitmotive nicht nur innerhalb einzelner Texte, sondern auch über das Gesamtwerk hinweg zu erhalten.

Elmar Tophoven arbeitete sowohl mit den englischen als auch mit den französischen Originaltexten und markierte Probleme in Bezug auf Grammatik, Wortschatz und Prosodie mit farbigen Anmerkungen. Er sammelte problematische Stellen und Varianten und dokumentierte den Übersetzungsprozess detailliert. Diese Methode der „transparenten Übersetzung” diente sowohl als Instrument der Selbstreflexion als auch als Grundlage für den Austausch zwischen Übersetzern.

Becketts deutscher Verlag Suhrkamp würdigte die Mehrsprachigkeit von Becketts Werk und veröffentlichte zweisprachige und dreisprachige Ausgaben. Zudem verstand Suhrkamp Übersetzung auch als einen fortlaufenden Prozess: Überarbeitungen, die beispielsweise im Rahmen von Bühnenproduktionen entstanden, flossen in spätere Auflagen ein.

Die hier gezeigten Objekte dokumentieren den Übersetzungsprozess von That Time/Cette Fois/Damals (1976) und Company/Compagnie/Gesellschaft (1979) und veranschaulichen sowohl die Arbeitsweise von Elmar und Erika Tophoven als auch Becketts Mitwirkung.

Dokumente aus dem Übersetzungsprozess von That Time/Cette fois/Damals, Tophoven-Archiv, Straelen

Ein Kopf schwebt in der Dunkelheit und lauscht drei körperlosen Stimmen, die bruchstückhafte Erinnerungen aus verschiedenen Lebensphasen wiedergeben, bestimmt von Einsamkeit und einem Gefühl von Vergänglichkeit. Beckett schrieb That Time zwischen 1974 und 1975 auf Englisch; die Uraufführung fand 1976 am Royal Court Theatre in London statt. James Knowlson beschrieb es als ein Stück „am äußersten Rand dessen, was im Theater möglich war“ (S. 602).

Elmar Tophoven begann seine ersten deutschen Entwürfe ausgehend von Becketts englischem Typoskript. Er sammelte problematische Stellen auf Karteikarten und markierte Fragen zur Klärung mit Beckett mit „SB“. Sein annotiertes Typoskript zerlegt den Text in kleinste Einheiten und erfasst dessen rhythmische, fast musikalische Struktur mit großer Präzision. Eine erste zweisprachige Ausgabe von That Time/Damals erschien 1981 bei Suhrkamp.

Dokumente aus dem Übersetzungsprozess von Company/Compagnie/Gesellschaft, Tophoven-Archiv, Straelen

In Company liegt eine Figur auf dem Rücken im Dunkeln, begleitet nur von einer Stimme, die Fragmente von Erinnerung und Gedanken heraufbeschwört. Der Text kreist um die Frage, wer spricht – und zu wem. Versucht die Figur lediglich, sich selbst Gesellschaft zu erträumen?

Obwohl Beckett Company zunächst auf Englisch schrieb, erschien die französische Übersetzung (Compagnie) zuerst, im Januar 1980. Elmar Tophoven griff für seine deutsche Übersetzung auf beide Fassungen zurück und erprobte die Nutzung eines Computers, um die drei Sprachen nebeneinanderzustellen. Besonderes Augenmerk galt dem Titelwort, das im Deutschen je nach Kontext als „Gesellschaft“ oder „Geselligkeit“ wiedergegeben wird. Beckett selbst schlug den Untertitel vor, den nur die deutsche Ausgabe trägt: Gesellschaft. Eine Fabel.

Weiterführende Literatur/Quellen: Friedman et al. 1987; Fries-Dieckmann 2007; Garforth 1996; Sievers 2005; Elmar Tophoven 1975, 1984, 1988a, 1988b; Erika Tophoven 2011; van Hulle/Verhulst 2018.

Bibliographie

  • Arber, Solange. Genèses d’une oeuvre de traducteur: Elmar Tophoven et la traduction transparente. Presses Universitaires François Rabelais, 2023.
  • Friedman, Alan Warren, et al., eds. Beckett Translating/Translating Beckett. Pennsylvania State University Press, 1987.
  • Fries-Dieckmann, Marion. Samuel Beckett und die deutsche Sprache. Wissenschaftlicher Verlag Trier, 2007.
  • Garforth, Julian A. ‘Translating Beckett’s Translations.’ Journal of Beckett Studies, vol. 6, no. 1, 1996, pp. 49–70.
  • Gomille, Monika. ‘Zwischen den Sprachen und Kulturen: Becketts Selbstübersetzungen.’ Der unbekannte Beckett: Samuel Beckett und die deutsche Kultur, edited by Therese Fischer-Seidel and Marion Fries-Dieckmann, Suhrkamp, 2005, pp. 244–60.
  • Little, James. The Making of Samuel Beckett’s ‘Not I/Pas Moi’, ‘That Time/Cette Fois’ and ‘Footfalls/Pas’. Bloomsbury, 2023.
  • Nugent-Folan, Georgina. The Making of Samuel Beckett’s Company/Compagnie. Bloomsbury, 2023.
  • Sievers, Wiebke. ‘Becketts deutsche Stimmen.’ Der unbekannte Beckett: Samuel Beckett und die deutsche Kultur, edited by Therese Fischer-Seidel and Marion Fries-Dieckmann, Suhrkamp, 2005, pp. 224–43.
  • Tophoven, Elmar. ‘Becketts Company im Computer.’ Samuel Beckett, edited by Hartmut Engelhardt, Suhrkamp, 1984.
  • ———. ‘Dreiunddreißig Jahre Vergegenwärtigung Beckettscher Werke.’ Beckett und die Literatur der Gegenwart, edited by Martin Brunkhorst et al., Winter, 1988, pp. 26–40.
  • ———. ‘En traduisant Beckett.’ Das Werk von Samuel Beckett. Berliner Colloquium, edited by Hans Mayer and Uwe Johnson, Suhrkamp, 1975, pp. 159–73.
  • ———. ‘Translating Beckett’. Beckett in the Theatre: The Author as Practical Playwright and Director, edited by Dougald McMillan and Martha Fehsenfeld, Calder/Riverrun, 1988, pp. 317–24.
  • Tophoven, Erika. Glückliche Jahre. Übersetzerleben in Paris. Gespräche mit Marion Gees. Matthes & Seitz, 2011.
  • ———. ‘Happy Years: Translating Beckett with Beckett.’ Samuel Beckett Today / Aujourd’hui, vol. 28, no. 1, 2016, pp. 11–17.
  • Van Hulle, Dirk, and Pim Verhulst. ‘Beckett’s Collaborative Translations in the 1950s.’ Samuel Beckett Today / Aujourd’hui, vol. 30, no. 1, 2018, pp. 20–39.
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