Shelf #1
| Frightful day again & I fürchterlich erkältet. | 05/10/36 Beckett 2003, 12 | Beckett hat immer wieder mit gesundheitlichen Einschränkungen auf der Reise zu kämpfen. Trotzdem schleppt er sich an diesem Tag, ganz zu Beginn seiner Reise, zum ersten von zahlreichen Besuchen in der Hamburger Kunsthalle. |
| Geld more & more knapp. | 09/10/36 Beckett 2003, 14 | „Scholle in the Fischbrätküche & coffee in Stadtschänke. Then splashed 12 RM odd on Baedekers Deutsches Reich. Geld more & more knapp,“ schreibt Beckett bereits eine Woche nach seiner Ankunft. Seine Mutter überweist ihm regelmäßig kleine Summen, mit denen er jedoch sparsam wirtschaften muss. Neben Unterkunft und Verpflegung gibt er das vorhandene Geld vor allem für Bücher aus. |
| No fliessendes Wasser, no Zentral Heizung, nothing. | 05/10/36 Beckett 2003, 12 | 1936 war es in Deutschland noch keine Selbstverständlichkeit, dass ein Hotelzimmer fließendes Wasser hat. Die erste Pension in Hamburg, in der Beckett sich einquartiert, bei Otto Lembke in den Colonnaden 47, erwies sich als Fehlentscheidung: „Hardly in room before I began to hate it.“ Er bleibt dann auch nur 48 Stunden. |
| …unspeakable Eintopf, pfui! | 13/12/36 Zitiert aus Tophoven 2005, 20 | Seit 1933 wurden im nationalsozialistischen Deutschland im Winterhalbjahr monatlich „Eintopfsonntage“ ausgerufen, an denen alle Haushalte verpflichtet waren, auf die übliche Sonntagsmahlzeit zu verzichten. Der Differenzbetrag für die Kosten musste für das Winterhilfswerk gespendet werden. Beckett lernt die Propagandaaktion bald nach seiner Ankunft in Hamburg kennen und entwickelt schnell eine tiefe Abneigung gegen die Eintöpfe, die an diesen Sonntagen in allen Lokalen angeboten werden. |
| Hundewetter again. | 18/10/36 Beckett 2003, 17f. | Die ersten Tage nach seiner Ankunft begrüßt Hamburg Beckett mit schlechtem Wetter, wie er notiert. Auch am Tag darauf: „Out early, trotz dem Wetter.“ Und einen Tag später: „Floods im Alten Land the worst ‚seit Menschengedenken‘“. |
Shelf #2
| …even to listen is an effort & to speak ausgeschlossen. | 18/10/36 Beckett 2003, 19
Brief an McGreevy, 9/10/36 Letters I, 375: | Den Gesprächen in der Pension Hoppe in Hamburg kann der jüngst angereiste Beckett anfangs nur schwer folgen. Er ist frustriert: „I am altogether absurd & inconsequential. How absurd, the struggle to learn to be silent in another language.” Kurz nach seiner Ankunft schreibt er an seinen Freund Thomas MacGreevy: „It is nice to be away, but when I have seen the pictures & struggled into the language I don’t think I’ll be sorry to go.” |
| Schadet nicht. | 25/10/36 Beckett 2003, 23 | „Schadet nicht“, schreibt Beckett Ende Oktober über seine Entscheidung, länger in Hamburg zu bleiben als geplant. So wie er bei der Lektüre deutsche Vokabeln notiert, so finden sich neu erlernte Redewendungen in seinem Tagebuch wieder. Am 22. Oktober: „Schön ist das nicht.“ Obwohl er sich den Tag über „excited & energetic“ gefühlt hat, schreibt er am 2.11.: „Es ahnt mir nichts Gutes“ (30). |
| Crawled down to SS (Stadtschänke, not Saalschutz) | 17/10/36 Beckett 2003, 17 | Beckett dokumentiert auch das Deutsch der Nationalsozialisten – sowohl in seinen Übungsheften als auch im Tagebuch. Sein feiner Spott zeugt von einer deutlichen Ablehnung der Klischeehaftigkeit und Gleichförmigkeit totalitärer Sprache. In Berlin notiert er ironisch: „KDF = Kraft durch Freude, nicht Kaspar David Friedrich“ (aus Tophoven 2005, 92). |
| Der Hund kam in die Küche… | 24/01/37 Tophoven 2014, 348 | Beckett notiert im Stadthaus in Weimar: „Hitlerjugend a K.d.F. [= Kraft durch Freude] revelry in next room including Der Hund kam in die Küche…“ Möglicherweise kannte er das rekursive Scherzlied schon von seinen Besuchen in Kassel. Viel später taucht es an prominenter Stelle in seinem Werk wieder auf – in englischer Übersetzung: Der zweite Akt seines 1953 uraufgeführten Stückes „Warten auf Godot“ beginnt damit, dass Wladimir das Lied singt. |
Shelf #3
| Zweifel | “Dante, Vico, Bruno, Joyce” SW IV 504 | In diesem viel zitierten Satz aus seinem Essay „Dante, Vico, Bruno, Joyce“ (1929), wird deutlich, welchen Reiz die deutsche Sprache auf Beckett ausübt. Im Gegensatz zum Englischen stellt das Deutsche eine transparente, plastische, bildhafte Sprache dar. Beckett sucht nach Worten, die lebendig sind, “alive”, wie in den Texten von James Joyce: „They elbow their way on to the page, and glow and blaze and fade and disappear.” (16) |
| a mixture of rum and Reisefieber | Dream of Fair to Middling Women 29 | Den Roman „Dream of Fair to Middling Women”, den Beckett 1932 schrieb, der aber erst posthum 1992 veröffentlicht wurde, bezeichnete er in einem Brief als seine „German Comedy“. Das Setting basiert auf seinen Aufenthalten in Kassel 1928-1932 und auf der Beziehung zu seiner Cousine Peggy Sinclair. Beinahe auf jeder Seite finden sich deutsche Vokabeln oder ihre Parodien, von „abgeknutscht“ (80) über „Gedankenflucht“ (45) bis hin zu „Himmisacrakrüzidirkenjesusmariaundjosefundblütigeskreuz!” (239). |
| Beltschmerz | “What a Misfortune”, More Pricks Than Kicks SW IV 166 | Auch die Sammlung von Kurzgeschichten More Pricks Than Kicks (1934), in der Beckett Teile Romans Dream verarbeitete, zeigt seine Freude an Wortspielen und dem Aufbrechen von Klischees. In der Kurzgeschichte „What a Misfortune” wird aus dem deutschen Weltschmerz ein ganz konkreter Beltschmerz: „when he looked round and saw what they called a poet allowing his bilge to interfere with his business he developed a Beltschmerz of such intensity that he was obliged to leave the room.” |
| blick from this Punkt | Dream of Fair to Middling Women 160 | Schon in seinem Proust-Essay von 1931 zeigt sich Becketts Vorliebe für deutsche Komposita. So schreibt er über Proust Roman Albertine: „the multiple aspects (read Blickpunkt for this miserable word) did not bind into any positive synthesis.“ Das Wort taucht im Roman Dream wieder auf: “He only has to place himself at this centre of focus, he only has to gird up his lusty loins at this point, blick from this Punkt […] and he shall command an ample perspective.” |
| Wörterstürmerei | Disjecta 52 | In Berlin lernt Beckett den Buchhändler Axel Kaun kennen, mit dem er einen intensiven Gedankenaustausch beginnt. Nach seiner Rückkehr nach Dublin verfasst er im Juli 1937 einen Briefentwurf auf Deutsch an ihn, in dem er eine Poetik einer „Wörterstürmerei im Namen der Schönheit“ formuliert: seine eigene Sprache sei ein „Schleier“, den man zerreißen müsse, um an das „dahinterliegende Nichts“ zu kommen; er wolle ein „Loch nach dem andern in ihr […] bohren.“ Dazu dient Beckett nicht nur das Deutsche, sondern insbesondere das Französische, das später zur primären Sprache seines literarischen Schaffens wird. |