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Regensburger Impressionen von Ágnes Erdélyi

Regensburg, Ende 80er Jahre

Professor Imre Toth war mein Gastgeber, als ich gegen Ende der 80er Jahre als Humboldtstipendiatin eine zweijährige Forschungsperiode an der Universität Regensburg verbracht habe. Vorher hatte ich seine Schriften gelesen und einigen seiner Vorträge beigewohnt und so nur („nur“!) einen außergewöhnlichen Philosophen, einen Mathematikhistoriker, und auch einen exzellenten Redner gekannt. In diesen zwei Regensburger Jahren habe ich dann einen wahren Künstler, Schöpfer wunderbarer Fotos, bzw. Foto-Montagen, einen Mann mit Humor, eine charmante Person kennengelernt. Hier möchte ich weniger des Professors und Gelehrten, vielmehr Imres, dieser Künstler-Person, gedenken ...

Imre Tóth, im Halbprofil. Foto: Ágnes Erdélyi

Nach den Regensburger Jahren haben wir die Verbindung nicht mehr verloren, ja, wir sind Freunde geblieben. Ich habe ihn später, als er schon in Paris lebte, mehrmals dort besucht und auch in Budapest sind wir uns häufig begegnet. Auch unsere Arbeitsverbindung haben wir nicht ganz abgebrochen, so habe ich seinen Aufsatz Von Wien bis Temeswar: Johann Bolyais Weg zur nichteuklidischen Revolution [1] (externer Link, öffnet neues Fenster) ins Ungarische übersetzt. [2] (externer Link, öffnet neues Fenster) Zum Abschluss möchte ich aber vielmehr eine andere Schrift hervorheben, die mich am tiefsten geprägt hat.

Imre war ein Holocaustüberlebender (soweit ich weiß, war er der einzige in seiner Familie). Das Thema der zweitausend Jahre langen Geschichte des europäischen Antisemitismus und deren Konsequenzen im heutigen Europa hat ihn immer beschäftigt; und in der Zeit um die Jahrtausendwende hat er sich darüber auch öffentlich – im Konferenzvortrag, in Interviews und Schriften – geäußert. Im Jahr 2001 hat man seinen Vortrag, den er in Neapel gehalten hat, [3] (externer Link, öffnet neues Fenster) ungarisch veröffentlicht [4] (externer Link, öffnet neues Fenster) und aus diesem Anlass hat er der Zeitung Népszabadság ein Interview gegeben. [5] (externer Link, öffnet neues Fenster) 

Er hat erklärt, dass das Thema seines Vortrags: was es bedeutet Jude zu sein nach Auschwitz, ihn jahrzehntelang beschäftigt hatte und noch immer beschäftigt, einmal wäre aus ihm die alpträumerische Selbstbestimmung herausgebrochen, dass er ein Wurm sei: „Ja, ein Wurm: Jude sein nach dem Holocaust;“ und sein eigenes Wort habe ihn selbst so stark schockiert, dass es ein Jahr dauerte, bis er den Vortrag in schriftliche Form zu kleiden wagte.

Als ich jetzt seinen Text neugelesen habe, wirkte er noch stärker als je auf mich. Ich mag einige seiner Formulierungen als provokativ, einige seiner Behauptungen als übertrieben empfinden, seinem Einfluss konnte und kann ich mich damals wie heute nicht entziehen. In seiner Schrift bezeichnet Imre Paul Celans Todesfuge als „aufwühlend“, [6] (externer Link, öffnet neues Fenster) und diese Bezeichnung passt genau auch auf seinen eigenen Text. Mir fällt die Passage aus Celans berühmter Rede ein:

Es ist das Gegenwort, es ist das Wort, das den Draht zerreißt, das Wort, das sich nicht mehr vor den „Eckstehern und Paradegäulen der Geschichte“ bückt, es ist ein Akt der Freiheit. Es ist ein Schritt. (Dankrede von Paul Celan, Georg Büchner-Preis, 1960)

Ja, diese Bezeichnung bestimmt so genau wie keine andere seinen eigenen Text, und ich scheue mich nicht davor, ausdrücklich hinzufügen: den Autor seines Textes, ihn selbst. „Aufwühlend:“ so lautet Imre Toths letztes „Gegenwort.“

Ágnes Erdélyi

[1] Veröffentlicht in Annemarie Maeger: János Bolyai. Der Mozart der Mathematik. Leben und Werk. Maeger, Hamburg, 1999. S. 21–68.

[2] Tóth Imre: Bécstől Temesvárig: Bolyai János útja a nem-euklideszi forradalom felé. Typotex, Budapest, 2002.

[3] Imre Toth: Jude sein nach dem Holocaust. Die Shoah in Interpretation und Gedächtnis. Internationales Kolloquium in Neapel, 5–7. Mai, 1997. Schlussvortrag. (Manuskript. Aus dem Französischen übersetzt durch Peter v. Baggo.)

[4] Tóth Imre: Zsidónak lenni Auschwitz után. Pont, Budapest, 2001.

[5] nol.hu/archivum/archiv-27711-16994 (externer Link, öffnet neues Fenster)

[6] Die Dichtung Paul Celans hat die zeitgenössische deutsche Literatur durchdrungen, und seine außerordentliche Wirkung gründet sich gerade auf seine spezifisch jüdische Botschaft, die fortan ein organischer und essentieller Teil des spezifisch deutschen Geisteserbe ist. Seine aufwühlende Todesfuge ist nicht nur Pflichtlektüre in den Schulen, sondern Tausende von Deutschen kennen sie auswendig. (Imre Toth: Jude sein nach dem Holocaust. S. 17.)

Buchcover Tóth Imre: Zsidónak lenni Auschwitz után
Tóth Imre: Zsidónak lenni Auschwitz után
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