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Samuel Becketts German Diaries

Die German Diaries sind ein bemerkenswert detailreiches Zeugnis der Reise Becketts durch Deutschland und geben einen beispiellosen Einblick in seine Auseinandersetzung mit den bildenden Künsten und die Entwicklung seines Kunstverständnisses sowohl im Laufe seiner sechs Monate in Deutschland als auch in den darauffolgenden Jahrzehnten. Manchmal sind die Effekte seiner Begegnungen mit Kunst und Menschen während seiner Reise unmittelbar. In Hamburg verbrachte er einen Abend damit, Bier zu trinken und in einem Buch über den Expressionisten Ernst Barlach zu blättern und nahm daraufhin eine der seltenen post hoc Änderungen an seinem ersten Roman Murphy vor.

Hear no place to enthuse over Barlach. His name statt Maillol in Murphy?

04/11/36

Here those that slept and those that did not were quite palpably by the same hand, that of some rather later artist whose work could by no means have come down to us, say the Pergamene Barlach.

(Murphy, Chapter 11)

Zwangsläufig sind die Tagebücher auch eine Aufnahme Deutschlands und seiner Kunstszene unter dem nationalsozialistischen Regime. Mehr als einmal wurden Becketts Versuche, Kunstwerke zu besichtigen, die als „entartet“ eingestuft worden waren, oder ein verbotenes Buch zu kaufen, vereitelt. Obwohl er Politik und Slogans der Nazis zuweilen mit Verachtung kommentierte, hält er sich mit politischen Aussagen insgesamt zurück: möglicherweise ein Zeichen der spürbaren Nervosität hinsichtlich regimekritischer Aussagen, die viele seiner neuen deutschen Bekanntschaften empfanden, so auch die Kunstsammlerin und Malerin Margaritha Durrieu.

„The Durrieu’s hint of how unpleasant it could be for her & Frau Fera if I published disparagements of Germany.“

02/12/36

Becketts Stimme ist in den Tagebüchern häufig zynisch und unterhaltsam und an mancher Stelle fällt es nicht schwer, sich in ihn hineinzuversetzen. Jedoch entstammt dies nicht selten der Tatsache, dass Beckett im Laufe seiner Reise häufig zutiefst unglücklich war. Er wurde geplagt von Geldproblemen, angeschlagener Gesundheit und einer Schreibblockade. Während seines Aufenthalts in Hamburg besuchte er den Friedhof Ohlsdorf „because I thought a poem would be there,“ doch die Worte blieben ihm fern. Ebenso konnte er keine Fortschritte mit Journal of a Melancholic machen, welches ihn des Öfteren beschäftigte, jedoch nie fertiggestellt werden sollte.

„I feel nothing. The noise of my steps in the leaves reminds me of something, but can’t find what.“

25/10/36

„Crawl back, phrases rattling like machinegunfire in my skull, about 12½. J.o.a.M. as good as written, as bad as written, I mean the pleasure is from this evening irrevocably.“

31/10/36

Die German Diaries sind ein Einblick in Becketts Gedanken und seine Wahrnehmung eines historischen Augenblicks, im Großen ebenso wie im Kleinen. Ihr Schwerpunkt jedoch liegt auf Kunst und Architektur. Leser und Leserinnen „could be forgiven for thinking that they were written by an art critic, and not a creative writer“ (Nixon).

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