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Walther von der Vogelweide

Ich saz ûf eime steine

Ich saz ûf eime steine
und dahte bein mit beine,
dar ûf satzt ich den ellenbogen;
ich hete in mîne hant gesmogen
mîn kinne und ein mîn wange.
dô dâhte ich mir vil ange,
wes man zer welte solte leben.

Ich saß auf einem Stein,
und schlug ein Bein über das andere,
darauf stützte ich meinen Ellenbogen
In meine Hand legte ich
mein Kinn und meine Wange
Da dachte ich angstvoll darüber nach,
wie man in der Welt leben sollte.

Walther von der Vogelweide

Seeing a stone seat by the kerb I sat down and crossed my legs, like Walther. I must have dozed off, for the next thing was a man sitting beside me.

The Calmative (SW IV 270, 1946)

sitting on a milestone in the dark, my legs crossed, one hand on my thigh, my elbow in that hand, my chin cupped in the other, my eyes fixed on the earth as on a chessboard.

Molloy (SW II 120)

To this end for want of a stone on which to sit like Walther and cross his legs the best he could do was to stop dead and stand stock still which after a moment of hesitation he did and of course sink his head as one deep in meditation which after a moment of hesitation he did also.

Stirrings Still (SW IV 491)

Der mittelalterliche Dichter Walther von der Vogelweide taucht in Becketts Werk wiederholt auf – allerdings ausschließlich mit Bezug auf sein politisch-moralisches Gedicht Ich saz ûf eime steine, das um 1200 als eine von drei Strophen Walthers im sogenannten Reichston verfasst wurde. Wie kam es hierzu? Beckett war Walthers Dichtung bereits beim intensiven Studium von John G. Robertsons A History of German Literature im Jahre 1934 begegnet. Auf seiner Deutschlandreise erwarb er in Hamburg im November 1936 neben einer Anthologie zur ältesten deutschen Dichtung auch eine Auswahl von Walther von der Vogelweides Dichtung (mitteldeutsch/deutsch) und schickte sie zu sich nach Hause; in Würzburg schließlich besichtigte er Walthers Grab. Welche Bedeutung hat nun aber dieses Gedicht für Beckett? Thomas Hunkeler (Wilm/Nixon 2013, 63) schreibt hierzu: “Mehrere Kritiker […] haben Becketts Wiederaufnahme von Walthers nachdenklicher Positur auf seinem Stein in Zusammenhang mit Becketts Interesse für Melancholie gestellt [...]. Auch scheint es sinnvoll, Becketts Walther neben andere Figuren in Posituren der Nachdenklichkeit, der Melancholie oder des Verzweifelns zu rücken. Man denke etwa an die Figur Belacqua, wie sie Beckett von Dante übernimmt [...], oder auch an Füsslis oder Balkes Bilder tief in sich versunkener Menschen.” Diese allgemeine, auf die Kunst- und Literaturgeschichte assoziativ ausgreifende Einschätzung ist jedoch noch deutlich zu präzisieren und auszuweiten: Einerseits gilt es darauf hinzuweisen, dass Beckett bei den o.g. expliziten Bezügen die Waltherschen Denkposituren vor allem in typischer Manier untergräbt: Beim ersten Mal (The Calmative) schläft der Denker dabei ein (in der etwa zur selben Zeit geschriebenen Geschichte The Expelled (SW IV 248) nimmt die rüde aus dem Haus geworfene Figur noch im Liegen die Denkerposition ein: “I rested my elbow on the sidewalk […], settled my ear in the cup of my hand and began to reflect on my situation”), beim zweiten Mal (Stirrings Still) fehlt ihm der Stein, also bleibt er einfach stehen, und bricht den Vorgang kurz danach ab, weil er keine Lust mehr hat bzw. müde ist (“soon weary of vainly delving in those remains he moved on” (SW IV 491).

Wie so oft in seinem Werk beschreibt Beckett hier also die Schwierigkeiten, die Imperfektion und die Körpergebundenheit der Kognition. Andererseits prägt Becketts Beschäftigung mit Haltungen, Posituren und der Interaktion verschiedener Körperteile sein Werk durchgehend, vom Frühwerk bis zu den letzten Arbeiten, und nimmt literaturtheoretisch zentrale Funktionen ein. Die Bedeutung dieses Aspekts ist nicht zu unterschätzen: Beckett sammelt (auch auf seiner Deutschlandreise) charakteristische, ‚plastische‘, visuelle Gesten, Haltungen und Positionen aus der Kunst-, Kultur- und Literaturgeschichte und verwendet sie wiederkehrend in seinem Werk – was nicht nur einen Oeuvre-Building-Effekt hat, sondern auch eine Art ist, den Autor mit seiner Lese- und Reise-Biographie ins literarische Werk einzubauen. Die ‚Walther-Pose‘ ist jedoch in anderer Hinsicht von noch viel größerer Bedeutung: Die Stillstellung des physischen Körpers, die die kognitiven Aktivitäten des Denkens, der Imagination und der Erinnerung erst ermöglicht, ist ein zentrales Beckettsches Motiv mindestens seit seinem ersten Roman Murphy (1936). Sehr viele Figuren (oder ‚Kreaturen‘) in Becketts Werk nehmen entsprechende Stützpositionen ein: “one on top of the other the hands weigh on the stick, the head weighs on the hands” (Fizzles 3, SW IV 408); “You lean on a long staff. Your hands rest on the knob and on them your head.” (Company, SW IV 446); “One night as he sat trembling head in hands” (Ohio Impromptu, SW III 471); “Hand resting on hand on some convenient support. Such as the foot of her bed. And on them her head. There then she sits as though turned to stone face to the night.” (Ill Seen Ill Said, SW IV 451) Durch diese Denk-/Imaginationsposition wird jedoch auch der imaginierende Autor als dramatisierte Figur in das Werk mit eingeführt, der “Devised deviser devising it all for company. In the same figment dark as his figments.” (Company, SW IV 443), “in the same dark as his creature” (Company, SW IV 442), “Shade with the other shades” (Worstward Ho, SW IV 475), “scene and seer of all” (Worstward Ho, SW IV 477), “seat of all. Germ of all.” (Worstward Ho, SW IV 475) – ein Autor, den die Figuren manchmal aus dem Augenwinkel wahrnehmen (“Out of the corner of my eye I observe the writing hand”, Texts for Nothing 5, SW IV 310), der über sie gebeugt lebt (“he lives bent over me that’s the life he has been given”, How It Is, SW II 420) und mit geschlossenen physischen Augen die angestrengt starrenden Augen der Imagination öffnet (“my eyes not the blue the others at the back“, How It Is, SW II 428; “Nor by the eye of flesh nor by the other.” Ill Seen Ill Said, SW IV 455; “Clenched staring eyes” Worstward Ho, SW IV 476). Diese Arbeit der Imagination tut er in vielen Texten wiederum mit auf den Händen ruhendem, stillgestelltem Kopf, “bowed head resting on hands” (Nacht und Träume, SW III 489), “Head sunk on crippled hands” (Worstward Ho, SW IV 473), “at his table head on hands“ (Stirrings Still, SW IV 487). Auch der Stein taucht hierbei immer wieder auf, etwa in That Time, Becketts zentralem Werk zur Verbindung von Erinnerung und Imagination: Hier ist „on the stone“ der am häufigsten vorkommende Ausdruck im ganzen Text, und das Kind, das auf dem Stein sitzend Stimmen erfindet, ist die klare fiktiv-biographische Präfiguration des späteren Autors – „on a stone among the giant nettles making it up now one voice now another” (That Time, SW III 415). In seinem deutschen Lieblingsautor Fontane mag Beckett schließlich einen Widerhall gefunden haben: “Und so ging er denn weiter die Straße hinab, während sie, den Kopf auf den Arm und den Arm auf den Gitterpfosten gestützt, ihm mit großem Auge nachsah.“ (Fontane, Irrungen, Wirrungen, 107) Aufsetzend auf diesem reichen Schatz an Figurationen setzt Beckett seine auktoriale Denkhaltung in Stirrings Still noch einmal explizit in die Geschichte der Denkhaltungen seit Walther von der Vogelweide ein und macht so auf einen ganzen kulturgeschichtlichen Zweig aufmerksam. Dass er in seinem letzten Prosawerk diesen expliziten Bezug wieder aufnimmt, zeigt das Gewicht, die Zentralität dieses Themas und der Waltherschen Pose – in einem Werk, das den Tod des Autors imaginiert: „One night as he sat at his table head on hands he saw himself rise and go.“ (Stirrings Still, SW IV 487)

Weiterführende Literatur/Quellen: Wilm/Nixon 2013, 61-63; Van Hulle/Nixon 2013, 84-85.

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